Auch die Scarification, das rituelle Einritzen oder Erheben von Narben, ist ein uraltes Zeugnis kultureller Kommunikation.
In vielen afrikanischen Gesellschaften dienten Narben nicht bloß der Zierde, sondern waren soziale Grammatik:
Sie markierten Zugehörigkeit, Reife, Herkunft, Mut oder den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt.
Jede Linie auf der Haut erzählte eine Geschichte – eine, die nicht gesprochen, sondern getragen wurde.
Mit der Kolonialisierung, Christianisierung und späteren Globalisierung verloren diese Zeichen jedoch ihren öffentlichen Raum.
Narben, einst Symbole der Würde, wurden plötzlich als „primitiv“ stigmatisiert.
Heute gilt das gleiche Muster der moralischen Fehlinterpretation, das auch die Diskussion um Tattoos prägt:
Ein westlicher Blick, der ästhetische Praxis ohne kulturellen Kontext bewertet – und dadurch jene Tiefe zerstört, die er zu schützen vorgibt.