Zwischen Aneignung und Erinnerung: Warum Kultur nicht besessen, sondern bewahrt wird
Kaum ein Begriff wird in unserer Gegenwart so leichtfertig verwendet und zugleich so wenig verstanden wie jener der kulturellen Aneignung. Er dient als moralische Waffe, als Etikett, als hastiger Reflex – doch selten als Werkzeug des Verstehens. Gerade in der Tattoo-Kultur, in der Symbole, Formen und Rituale seit Jahrtausenden durch die Körper der Menschheit wandern, wird sichtbar, wie absurd der Gedanke eines kulturellen „Besitzrechts“ tatsächlich ist. Denn Kultur war nie ein abgeschlossenes Gut. Sie ist ein atmendes, sich selbst erneuerndes Netzwerk aus Symbolen, das sich mit jeder Berührung verändert. Ihre Vitalität liegt nicht in der Bewahrung durch Abgrenzung, sondern im Austausch, in der Weitergabe, im Echo.
Die anthropologische Konstante des Tätowierens
Tätowierungen sind keine Modeerscheinung, sondern eine Konstante menschlicher Zivilisation. Archäologische Befunde belegen, dass sich die Kunst des Tätowierens an verschiedenen Orten der Welt unabhängig voneinander entwickelte: Ötzi, der Mann aus dem Eis, trug Linien und Punkte als rituelle Markierungen und Schmerztherapie. Ägyptische Mumien aus dem Jahr 2000 v. Chr. zeigen Ornamente von spiritueller und sozialer Bedeutung. In Polynesien, Sibirien, Afrika und den Amerikas entstanden eigenständige Systeme der Körperinschrift – alle Ausdruck derselben menschlichen Triebfeder: die Haut als Träger von Erinnerung und Identität. Körperkunst war nie ethnisch, sondern existenziell. Sie war nie exklusiv, sondern elementar. Und sie verbreitete sich – wie jede Idee, die Bedeutung trägt – über die Grenzen der Herkunft hinaus.
Karl von den Steinen – der Ethnologe als Bewahrer
Ein Name, der in diesem Zusammenhang fast vergessen ist, verdient Wiederentdeckung: Karl von den Steinen (1855 – 1929). Der deutsche Ethnologe bereiste Ende des 19. Jahrhunderts die Marquesas-Inseln in Polynesien, um eine Kultur zu dokumentieren, deren visuelle Sprache im Begriff war, durch Kolonialisierung und Missionierung zu verstummen. In minutiöser Präzision hielt er Werkzeuge, Symbole und Bedeutungen der Tätowierungen (tatatau) fest und schuf damit ein Archiv, das späteren Generationen die Rückkehr zu ihren eigenen Wurzeln ermöglichte. Von den Steinen eignete sich nichts an – er bewahrte. Er zeigte, dass wissenschaftliche Neugier und kultureller Respekt keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Ohne seine Forschung wäre ein Teil des polynesischen Ausdruckserbes unwiederbringlich verloren.
Narben als Sprache – Die Kunst der Scarification
Auch die Scarification, das rituelle Einritzen oder Erheben von Narben, ist ein uraltes Zeugnis kultureller Kommunikation. In vielen afrikanischen Gesellschaften dienten Narben nicht bloß der Zierde, sondern waren soziale Grammatik: Sie markierten Zugehörigkeit, Reife, Herkunft, Mut oder den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Jede Linie auf der Haut erzählte eine Geschichte – eine, die nicht gesprochen, sondern getragen wurde. Mit der Kolonialisierung, Christianisierung und späteren Globalisierung verloren diese Zeichen jedoch ihren öffentlichen Raum. Narben, einst Symbole der Würde, wurden plötzlich als „primitiv“ stigmatisiert. Heute gilt das gleiche Muster der moralischen Fehlinterpretation, das auch die Diskussion um Tattoos prägt: Ein westlicher Blick, der ästhetische Praxis ohne kulturellen Kontext bewertet – und dadurch jene Tiefe zerstört, die er zu schützen vorgibt.
Der Verlust der eigenen Zeichen
Aneignung ist kein exklusives westliches Phänomen. Oft sind es gerade jene Kulturen, die sich heute lautstark über Missbrauch beklagen, die selbst aufgehört haben, ihre eigenen Formen weiterzugeben. Bedeutung geht nicht verloren, weil sie gestohlen wird, sondern weil sie nicht mehr erinnert, nicht mehr gelebt wird. Diese Dialektik zeigt sich auch in der europäischen Geschichte. Die Runen der Germanen – einst Zeichen des Glaubens, der Sprache, der Macht des Wortes – wurden im 20. Jahrhundert durch die Ideologie des Dritten Reichs entstellt. Ihre Bedeutungen wurden verzerrt, ihre Symbole politisch missbraucht, bis sie schließlich im Schatten des Verfassungsschutzes verschwanden. Was einst Ausdruck spiritueller Tiefe war, gilt nun als verdächtig. So kann selbst ein Symbol, das niemandem gehörte, zu einer kulturellen Ruine werden. Es ist eine bittere Ironie: Auch Europa ist Opfer kultureller Aneignung geworden – durch sich selbst.
Die universale Sprache der Formen
Dasselbe gilt für andere Ausdrucksformen. Das Flechten von Haaren, heute in Debatten um kulturelle Identität hoch emotionalisiert, ist keine exklusive afrikanische Tradition, sondern eine universale Praxis. Auch keltische, nordische und germanische Frauen trugen kunstvolle Flechtwerke – zugleich praktisch und ästhetisch, zugleich individuell und gemeinschaftlich. Der Zopf ist keine ethnische Signatur, sondern ein archetypisches Ornament des Menschseins. Solche Parallelen zeigen: Menschliche Kreativität kennt Wiederholung, Variation, Resonanz – nicht Besitz.
Von der Aneignung zur Verantwortung
Was wir als „Aneignung“ verurteilen, ist oft Erinnerung in anderer Form. Kulturelle Verantwortung bedeutet nicht, Grenzen zu ziehen, sondern Kontexte zu verstehen. Sie verlangt Respekt, nicht Eigentumsrecht. Wer sich ein Symbol zu eigen macht, um es zu verstehen, um es weiterzutragen, um seine Bedeutung zu erneuern, handelt nicht aus Hybris – sondern aus Neugier, aus Ehrfurcht. Ein Tattoo, eine Narbe, ein Zopf – sie alle können zu Brücken zwischen Zeiten und Kulturen werden. Denn Kultur gehört niemandem. Sie geschieht zwischen uns.
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