Wenn Verantwortung versagt: Was der Fall Korbach über unsere Gesellschaft zeigt
Ein 22-jähriger Mann ist tot. Er ließ sich von einem Bekannten tätowieren – nicht in einem Studio, sondern in einer Wohnung. Wenige Tage später: eine Infektion, eine Sepsis, Multiorganversagen. Das ist eine Tragödie – aber keine Überraschung. Es ist das Ergebnis einer langen Kette von Versäumnissen, die weit über zwei Menschen hinausgeht.
Verantwortung beginnt dort, wo Ausreden enden
Man liest in den Berichten von einem „nicht angemeldeten Studio“, von Hygienemängeln, von abgelaufener Farbe. Aber was hier wirklich passiert ist, geht tiefer: Es war das völlige Versagen, Verantwortung zu übernehmen. Der Tätowierer — oder vielmehr derjenige, der sich dafür hielt — tat, was so viele heute tun:
Er verwechselte Freiheit mit Beliebigkeit. Er glaubte, nur weil er Zugang zu Werkzeugen hatte, besitze er auch das Recht, sie zu benutzen. Doch Freiheit ohne Kompetenz ist Verantwortungslosigkeit. Und Verantwortungslosigkeit trifft am Ende immer jemanden, der sie nicht verdient hat. Wer tätowiert, ohne Hygienestandards zu verstehen, ohne die Tiefe seines Eingriffs zu begreifen, handelt nicht künstlerisch – er handelt leichtsinnig. Denn Kunst entsteht erst nach der Beherrschung der Grundlagen. Wer sie ignoriert, wählt die Inkompetenz – Inkompetenz fordert ihren Preis.
Tragen Opfer Verantwortung?
Das Opfer war kein passiver Zuschauer. In der modernen Gesellschaft reden wir gern davon, „keine Schuld“ zu haben, wenn uns etwas widerfährt. Aber Verantwortung bedeutet, wach zu bleiben, gerade dann, wenn man sich in fremde Hände begibt. Man hat das Recht – und die Pflicht –, aufzustehen und zu gehen, wenn man spürt, dass etwas nicht stimmt. Das gilt für jede Lebenssituation, vom Arztbesuch bis zum Tattoo-Termin. Wenn du siehst, dass jemand isst, während er an deiner Haut arbeitet, dass keine Desinfektion stattfindet, dass der Raum unsauber ist – und du bleibst trotzdem sitzen – dann hast du deine Verantwortung abgegeben. Niemand gibt Verantwortung ab, ohne Konsequenzen.
Das System als Mit-Täter
Es wäre jedoch zu einfach, beide Einzelpersonen als allein schuldig zu erklären. Denn auch das System hat mitgewirkt – durch seine Gleichgültigkeit gegenüber Kompetenz und Ethik. Deutschland erlaubt, dass jeder, der einen Internetzugang und eine Kreditkarte besitzt, sich eine Tattoomaschine, Nadeln und Farben bestellt. Kein Gewerbenachweis. Kein Schulungsnachweis. Keine Kontrolle. Maschinen, Farben, Zubehör – alles frei erhältlich auf Amazon, eBay, Temu. Und so entstehen täglich neue Hobby-Studios, improvisiert in Küchen, Schlafzimmern, Garagen. Es gibt in Berlin rund 2 000 offiziell registrierte Tattoo-Gewerbe – doch die Dunkelziffer derer, die im Schatten arbeiten, ist ein Vielfaches davon. Sie alle sind Produkte eines Systems, das Freiheit ohne Verantwortung duldet. Ein System, das die Idee von Qualifikation gegen die Illusion von Gleichheit eingetauscht hat.
Freiheit verlangt Struktur
Ein Handwerk wie Tätowieren sollte nicht frei zugänglich sein wie ein Hobby. Es ist ein medizinisch-invasiver Eingriff, und wer ihn ausführt, sollte ausgebildet, geprüft und überwacht sein. Das ist kein Angriff auf Freiheit – es ist ihr Fundament. Denn wahre Freiheit existiert nur, wenn sie von Kompetenz und moralischer Ordnung getragen wird. Wir brauchen klare Hürden:
• Zugang zu Maschinen und Farben nur für registrierte Gewerbe (was seriöse Händler bereits seit jahrzehnten freiwillig machen)
• Pflichtschulungen zu Hygiene, Anatomie, Nachsorge.
• Proaktive Kontrollen durch Gesundheitsämter, nicht erst, wenn jemand stirbt. Nur so entsteht eine Kultur, die sowohl den Künstler als auch den Kunden schützt – durch Struktur, nicht durch Appelle an den „gesunden Menschenverstand“.
Die Lehre aus Korbach
Dieser Fall ist kein Zufall. Er ist ein Symptom einer Gesellschaft, die Verantwortung durch Bequemlichkeit ersetzt hat. Einer Gesellschaft, die glaubt, jeder könne alles sein – Tätowierer, Arzt, Coach, Künstler – ohne Struktur, ohne Prüfung, ohne Disziplin. Doch Kompetenz ist der Preis der Freiheit. Und wer sie verweigert, verliert am Ende beides – Freiheit und Sicherheit. Wenn Tätowieren eine Kunst ist, dann ist Hygiene ihr Fundament. Und wer ein Fundament ignoriert, baut auf Sand.
Schlussgedanke
Dieser Tod in Korbach war tragisch, ja. Aber er war vermeidbar. Er war kein Schicksal – er war das Ergebnis von Nachlässigkeit auf allen Ebenen. Solange wir zulassen, dass Menschen ohne Ausbildung Werkzeuge benutzen, die in den Körper eindringen, solange wir Kunden erziehen, blind zu vertrauen, statt kritisch zu beobachten, solange wir glauben, Freiheit bedeute, keine Grenzen zu haben – werden solche Geschichten kein Ende nehmen. Und die Verantwortung dafür trägt nicht nur derjenige, der tätowiert. Sondern eine ganze Gesellschaft, die verlernt hat, dass Freiheit ohne Kompetenz immer gefährlich endet.
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